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THE PIECES 

Spider Galaxies (2011)

Press

NZZ Online - 10.03.2011 - Critics

TANZ UM DIE EIGENE ACHSE

By Lilo Weber
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Zeitgenössische Schweizer Tanztage mit neuen Stücken von Anna Huber und Gilles Jobin

Was treibt diese Menschen? Was hält sie in Bewegung? Sie ziehen in den Berner Vidmarhallen von links nach rechts, unermüdlich. Sie kriechen auf allen vieren, robben über den Boden, schreiten, laufen, hetzen, gehen vor- und auch einmal rückwärts, aber immer in dieselbe Richtung, als läge vor ihnen so etwas wie Hoffnung und hinter ihnen das Chaos. 14 Tänzerinnen und Tänzer lässt der brasilianisch-schweizerische Choreograf Guilherme Botelho in seinem neuen Stück «Sideways Rain» eine Stunde lang die Bühne durchqueren. Und er lotet dabei die Formen menschlichen Fussgängertums aus. Zuweilen stolpert der eine, das scheint ansteckend, andere stolpern ebenso, und aus dem Stolpern entsteht die nächste Gangart, welche die Tanzenden gefangen nimmt. Und uns damit. Anzeige: Langeweile droht

«Sideways Rain» ist ungewöhnlich. Nicht, weil die Ästhetik neu wäre – Lauf- und Gehstücke konnte man auch anderswo schon sehen. Ungewöhnlich ist dieses Stück für Guilherme Botelho. Seit 1993 haben er und seine Genfer Compagnie Alias sich mit ihrem absurden Physical Theatre voll verschrobener Figuren und bösen Humors international einen Namen geschaffen. Und nun ein abstraktes Stück – das indes, gerade vor dem Hintergrund der gegenwärtigen grossen Fluchtbewegungen, unglaublich berührt.

Und das ist ungewöhnlich im Programm der Zeitgenössischen Schweizer Tanztage. Die meisten Stücke, die Anfang März über fünf Berner Bühnen gingen, liessen merkwürdig kalt. Das stimmt nachdenklich. Das kleine Festival, das alle zwei Jahre in einer anderen Region der Schweiz stattfindet, funktioniert als kleine Tanzbörse. Es gibt den von einer Jury ausgewählten unabhängigen 13 Compagnien die Möglichkeit, ihre Stücke über hundert geladenen Veranstaltern aus dem In- und Ausland zu präsentieren, und vermittelt so auch einen Einblick ins Schweizer Tanzschaffen. Sollten indes die hier präsentierten Stücke repräsentativ sein, hat der zeitgenössische Schweizer Tanz ein Problem: Er droht zu langweilen. Nicht, weil er schlecht wäre. Die Tanzstücke sind in den letzten zehn Jahren viel professioneller geworden. Den Choreografinnen und Choreografen stehen technisch hochversierte Tänzerinnen und Tänzer zur Verfügung, die Stücke sind durchdacht, genau konzipiert und wohl auch komponiert. Aber sie scheinen sich immer um dasselbe zu drehen: den Choreografen, seinen Körper und sein Stück – dasselbe weiblich.

Das lässt sich nicht von allen Arbeiten behaupten, aber von einer langen Reihe von Stücken, insbesondere jenen der jüngeren Choreografengeneration. Beispielsweise von Perrine Vallis «Je pense comme une fille enlève sa robe»: eine schöne Arbeit um Grenzen und Grenzenlosigkeit des Körpers, mit stimmigen Bildern – aber auch Längen, die unbegründet bleiben. Oder Ioannis Mandafounis & Fabrice Mazliahs «P.A.D.»: ein interessant angelegtes Stück im geschlossenen (Holz-)Raum, in dem sich die beiden Männer wieder und wieder an Kleider und Haut gehen, wenn sie nicht gerade gegen die Wände knallen – doch es bleibt bei der Versuchsanordnung. Oder Chris Leuenbergers «Masculinity»: Angekündigt als Stück über männliche Identität, erweist es sich als Stück über Chris Leuenberger und nur Chris Leuenberger.

Selbst die neuen Stücke der alten Grossen, Anna Huber und Gilles Jobin, können nicht ganz von der oben geäusserten Kritik ausgenommen werden. Anna Huber hat sich für ihre jüngste Arbeit mit Yves Netzhammer zusammengetan. Und der Zürcher Künstler hat für «Aufräum-Arbeiten im Wasserfall» eine Installation geschaffen, die sich mit der filigran exakten Arbeitsweise der Bernerin wie auch mit ihrem Begehren nach dem Spiel mit Formen trifft. Sie greift ein in die auf die Wand projizierten Landschaften und Stillleben, leitet sie weiter an einen Ball, während sich der Körper als Schatten ins Bild rückt. Anna Huber sitzt wie ein auf frischer Tat ertappter Ladendieb in Netzhammers Schachbrettmuster und beginnt dann, die Möglichkeiten der veränderbaren Struktur auszuloten. Dieses Herumtasten und Herumtappen eines zerbrechlichen Weltabgewandten in der Kunst ist brillante Kunst. Dann entledigt sich die Tänzerin ihres Kapuzenpullovers – und somit der Figur –, und ihr Spiel mit Netzhammers Material wirkt, je länger es dauert, mehr wie Abhaken denn wie Interaktion. Bis sie sich die gesamte Installation auf die Schulter lädt – und damit einen grandiosen Schlusspunkt setzt. – Gilles Jobin hat sich, wie Guilherme Botelho, für sein neues Stück «Spider Galaxies» ebenfalls einer strengen Abstraktion verschrieben und dafür hervorragende Tänzer gefunden. Doch anders als «Sideways Rain» wirkt dieses Stück in sich gekehrt. Die vier Menschen, die sich in zahlreichen Variationen um die eigene Achse drehen, scheinen mit sich selbst beschäftigt. Das gibt ein beeindruckendes Bild einer zunehmenden Vereinzelung. Allerdings droht dieses schier endlose Weiter-und-weiter-Tanzen zum Selbstzweck zu werden, und das Stück verliert an Kraft. Bis gegen den Schluss hin die Fäden noch einmal straffer gezogen werden und der Tanz einen Sog entfaltet, der an frühere Arbeiten Gilles Jobins erinnert. Noch könnte sich das eine oder andere ändern. Offizielle Uraufführung von «Spider Galaxies», das zu einer Komposition von Cristian Vogel und Carla Scaletti erarbeitet wurde, ist erst Mitte März. Wenig Wirklichkeitsbezug

Die Problematik offenbart sich weniger im einzelnen Stück als in der Tendenz: Man vermisst den Blick nach aussen, die Auseinandersetzung mit einer wie auch immer verorteten Wirklichkeit. Während die Tanzschaffenden in anderen westlichen Ländern sich seit bald zehn Jahren wieder stärker gesellschaftlichen Phänomenen zugewandt haben, tanzen die Schweizer nach wie vor um den eigenen Nabel, der da heisst: ihre Kunst.

Quer in dieser Landschaft steht, einmal mehr, La Ribot. Die in Genf lebende Spanierin hat sich in Marie-Caroline Hominal und Delphine Rosay offenbar gleich zweimal wiedergefunden. Und die drei Frauen lesen nun in «Llámame Mariachi» aus ihrer Bibliothek von Kunst-, Gesellschafts- und Banaltheorien vor, nicht ohne sarkastische Nebenbemerkungen, die sich von Abend zu Abend verändern. Und nicht ohne sich selbst zuvor auf Film zu zeigen, in Ausschnitten nur, die in Ausschnitte von Katastrophen- und anderen Filmen übergehen. Hier stimmt die Selbstdarstellung, hier stimmt der Selbstkommentar, und die Langsamkeit der Bewegungen wird nicht lang: Das ist alles so zerstückelt, verschoben, überdreht, ironisiert, hysterisiert – und umwerfend komisch.